Notizen aus der Warteschleife. Folge 104: Wenn man es sich schon vorstellt.

Es passiert leise. Fast unbemerkt.

Irgendwo zwischen dem Ende eines Gesprächs und dem nächsten Morgen fangen die Gedanken an zu planen. Ein Bild entsteht. Noch unscharf, aber schon da. Wie der tägliche Weg dorthin aussehen würde. Die Tage eine neue Struktur bekommen. Wie die ersten Wochen sich anfühlen würden. Wer die Menschen sein könnten, mit denen man morgens Kaffee trinkt. Welchen Unterschied die eigene Arbeit dort machen würde.

Man hat es nicht eingeladen. Es ist einfach da.

Und für einen Moment, manchmal auch länger, fühlt sich diese Vorstellung wunderbar an. Weil sie Richtung gibt. Weil sie zeigt, dass man sich etwas wünscht. Weil Vorfreude eine der schönsten menschlichen Regungen ist, auch wenn sie auf nichts Gesichertem basiert.

Aber dann kommt der zweite Gedanke.

Der, der fragt: Wie weit darf ich das zulassen? Denn jedes Bild, das man baut, ist auch eine Erwartung. Und Erwartungen haben Gewicht. Sie machen das Warten schwerer. Sie machen ein mögliches Nein schwerer. Man trauert dann nicht nur um eine Absage, sondern um eine Zukunft, die man sich bereits ein wenig eingerichtet hatte.

Ich kenne diesen Mechanismus inzwischen gut. Und ich habe aufgehört, ihn zu bekämpfen.

Nicht weil ich aufgegeben habe, sondern weil ich verstanden habe: Das Vorstellen ist kein Fehler. Es ist ein Zeichen, dass etwas wirklich passen könnte. Dass man nicht einfach irgendwo landen will, sondern irgendwo ankommen möchte. Das ist wertvoll. Das sollte man nicht wegrationalisieren.

Was sich verändert hat, ist der Umgang damit. Ich lasse das Bild entstehen aber nicht zu deutlich. Es nimmt noch nicht allzuviel Raum ein. Wie etwas, das man in der Hand hält, ohne es festzuhalten. Es darf da sein. Es darf schön sein. Aber es darf nicht das Einzige sein.

Die Warteschleife hat mir beigebracht, dass Hoffnung und Realismus keine Gegensätze sind. Man kann sich etwas wünschen. Ernsthaft und aufrichtig. Mit ganzem Herzen. Und gleichzeitig wissen, dass das Leben auch andere Pläne machen kann.

Und dass das in Ordnung ist.

Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.

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