Notizen aus der Warteschleife. Folge 78: Wir sollen also alle mehr arbeiten!?

Liest man in irgendwelchen Studien. In Wahlprogrammen. Hört man in Reden von irgendwelchen Politikern.

Man müsse die Lebensarbeitszeit verlängern, die Menschen aktivieren, die Potenziale heben.

Gleichzeitig gibt es da dieses merkwürdige Paralleluniversum namens Arbeitsmarkt. Dort herrscht angeblich Fachkräftemangel. Aber bitte nur bis ungefähr Mitte 40. Danach verwandelt sich Erfahrung langsam in ein Risiko. Routine in „nicht mehr lernfähig“ und Gelassenheit in „nicht mehr belastbar“.

Das System ruft: Wir brauchen euch alle! Und flüstert im gleichen Atemzug: Aber bitte nur die Richtigen unter 45. Man sucht händeringend nach Menschen und sortiert sie gleichzeitig nach Jahrgang. Wie Joghurt im Kühlregal: gut bis … na ja, lieber nicht mehr.

Und neuerdings trifft es nicht nur die Älteren. Auch sehr junge Menschen, die Gen Z, finden keinen Einstieg mehr. Zu wenig Erfahrung, falsche Erwartungen, zu wählerisch, zu sensibel, zu irgendwas. Früher hieß es: „Zu alt“. Heute heißt es zusätzlich: „Zu jung“.

Vielleicht ist das der eigentliche Widerspruch unserer Zeit: Wir reden von Demografie, Produktivität und Zukunftsfähigkeit und denken Arbeit immer noch in Altersklassen, als wäre Erfahrung ein Auslaufmodell und Jugend ein Risiko.

Vielleicht haben wir keinen Fachkräftemangel. Vielleicht haben wir einen Vorstellungsdefekt. Die Vorstellung, dass Lernen mit 30 endet. Dass Neugier ein junges Talent ist. Und dass jemand mit vielen Jahren Berufserfahrung automatisch ein Update verweigert.

Dabei wäre es eigentlich ganz einfach: Wenn wir länger arbeiten sollen, müsste man uns auch länger wollen.

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