Notizen aus der Warteschleife. Folge 84: Das Große Bewerbungs-Oratorium: Ein Kammerspiel in Moll und Neon.(1)

Man muss sich die moderne Jobsuche als ein absurdes Kammerspiel vorstellen, das in einem baufälligen Zirkuszelt stattfindet, während draußen die Apokalypse leise gegen die Planen klopft.

Die Hauptrolle: Ein Experte mit drei Jahrzehnten Erfahrung.
Die Regie: Ein Algorithmus mit der emotionalen Intelligenz einer tiefgefrorenen Garnele.

Akt 1: Das Sakrament der Schlüsselwörter, bevor man einem Wesen aus Fleisch und Blut begegnen darf, muss man seine Biografie durch den digitalen Fleischwolf der ATS-Systeme drehen.

Eigentlich sollte ein Lebenslauf wie ein reifer Pfirsich sein, saftig, duftend und voller klebriger Geheimnisse. Doch das System verlangt nach Dörrfleisch. Man muss sein Leben so lange mit „Buzzwords“ panieren, bis es schmeckt wie eine Pappschachtel, die in einer Marketing-Agentur übernachtet hat. Man optimiert sich selbst zu Tode, bis das eigene Ich nur noch ein statistisches Rauschen im binären Code ist.

Akt 2: Das Casting der künstlichen Begeisterung. Hat man die Maschine mit genügend Schlagworten gefüttert, folgt der Auftritt vor dem „Culture Fit“-Gremium. Man sitzt in einem Raum, dessen Beleuchtung so klinisch ist, dass man Angst hat, spontan zu einer Blinddarmoperation gebeten zu werden. Die Personaler sind oft so jung, dass sie das Jahr 1964 für eine mythologische Ära halten, in der man sich noch mittels berittener Boten und Klopfzeichen verständigte.

Man wird gefragt: „Was ist Ihre größte Schwäche?“, und man unterdrückt den Drang zu antworten: „Meine Unfähigkeit, Menschen ernst zu nehmen, die solche Fragen stellen.“

Stattdessen lächelt man das Lächeln eines gut dressierten Chihuahuas und spricht von „Lernbereitschaft“, während man innerlich die Struktur des Teppichbodens auf ihre metaphysische Sinnlosigkeit hin untersucht.

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