Notizen aus der Warteschleife. Folge 82: Die Vision. Wer „Länger arbeiten“ fordert, muss mehr „Selbstbestimmung“ ermöglichen.

Wie sähe demnach ein Staat aus, der Eigenverantwortung wirklich will.

Man hört es derzeit in fast jeder Talkshow: Wir sollen alle mehr arbeiten, länger arbeiten, 40+ Stunden, bis 70. Wir seien eine alternde Gesellschaft, die sich den frühen Ruhestand nicht mehr leisten könne.

Ich sage zwar einerseits: „Das ist Unsinn“. Aber nehmen wir mal an, das wird Gesetz. Also, Einverstanden. Ich will arbeiten. Ich kann arbeiten. Aber dann liefert bitte auch die Voraussetzungen dafür, dass wir es überhaupt KÖNNEN.

Es ist eine absurde Doppelmoral, die Generation Ü50 moralisch in die Pflicht zu nehmen, länger im Erwerbsleben zu bleiben, während man gleichzeitig die Barrieren für die einzige realistische Form dieser Arbeit – die Selbstständigkeit – immer höher zieht.

Wer im aktuellen Arbeitsmarkt mit 61 als „Vintage-Modell“ aussortiert wird, findet dort keinen neuen Platz mehr, egal wie laut (gerne auch händeringend) die Unternehmen nach Fachkräften rufen.

Der Weg zur Arbeit führt für uns über die Eigenverantwortung. Doch dieser Weg ist heute ein bürokratisches Minenfeld.

Wenn die Regierung es ernst meinte, sähe ein hilfreiches System für Selbstständige so aus:
– Rechtssicherheit statt Generalverdacht: Beendet die Angst vor der Scheinselbstständigkeit. Wer Expertise und Markthonorare hat, muss ohne Furcht vor Rentenprüfungen gebucht werden können. Wer länger arbeiten soll, braucht Kunden, die keine Angst haben, ihn zu beauftragen.

Die „Gründerrepublik 50+“: Wir brauchen keine Gründungsstipendien für dubiose Start-Ups. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es erfahrenen Experten erleichtern, ihr Wissen als Einzelunternehmer anzubieten.

Bürokratie-Abbau, der den Namen verdient: Ein „One-Stop-Shop“ für Solo-Selbstständige. Schluss damit, Kleinstunternehmer mit denselben Compliance-Regeln zu belasten wie DAX-Konzerne.

Flexibilität in der Vorsorge: Soziale Absicherung, die sich am realen Gewinn orientiert und nicht an starren Mindestsätzen, die Gründern in der Aufbauphase die Luft abschnüren.

Stellen Sie sich vor: Ein System, das nicht fragt: „Bist du auch wirklich angestellt genug?“, sondern: „Wie können wir dir helfen, deinen Wert direkt am Markt anzubieten?“

Es wäre ein Staat, der begreift, dass Freiheit und Eigenverantwortung keine Bedrohung für die Sozialkassen sind, sondern die einzige Antwort auf eine Welt, in der die lebenslange Festanstellung zum Relikt wird.

Ich warte allerdings nicht darauf, dass sich die Voraussetzungen ändern. Ich baue bereits an meiner eigenen Infrastruktur. Das Buch nimmt Form an. Die Ausstellungen. Weitere Ideen sind in Arbeit.

Echte Arbeitsmarktpolitik für das 21. Jahrhundert hieße: Den Menschen die Freiheit zurückzugeben, sich selbst eine Aufgabe zu schaffen, wenn das System keine mehr für sie hat.

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