Notizen aus der Warteschleife. Folge 79: Der Mensch als Auslaufmodell.

Mit 61 habe ich eine neue berufliche Kategorie erreicht: „Zu jung für die Rente, zu alt für die Fantasie der Personalabteilungen.“

Der Arbeitsmarkt ruft zwar permanent nach Fachkräften, meint damit aber offenbar Menschen zwischen 23 und 38, mit 20 Jahren Berufserfahrung und den Gehaltsvorstellungen eines Trainees.

Ich lese ständig: „Alle sollen mehr arbeiten!“ Ja. Sehr gern. Ich würde sogar sofort. Man müsste mir nur irgendwo erlauben, es zu tun.

Stattdessen existiere ich nun in dieser seltsamen Warteschleife: nicht arbeitslos, sondern arbeitsmarkt-mythologisch. Eine Art Sagengestalt. Man weiß, dass es mich gibt, aber kaum jemand hat je einen gesehen, der wirklich eingestellt wurde.

Ich mache jetzt das, was man in der Post-Moderne eben macht: Ich werde zum autonomen Gesamtkunstwerk. Ich schreibe ein Buch. Ich baue virtuelle Galerien. Ich schreibe Musik. Ich produziere Content, der für das aktuelle System wahrscheinlich zu substanziell ist. Es bringt bisher kein Geld, aber es rettet die Würde.

Es ist ein faszinierendes soziologisches Experiment: Wie lange kann eine Gesellschaft behaupten, sie brauche Experten, während sie gleichzeitig jeden, der tatsächlich weiß, wie man ein Projekt über die Ziellinie rettet, in die algorithmisch verordnete Unsichtbarkeit verbannt?

Vielleicht sollte ich meine nächste Bewerbung konsequent als „Vintage-Premium-Interface“ tarnen. Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil Erfahrung eine Fallhöhe hat, die man nicht einfach downloaden kann.

Vielleicht ist 61 gar kein Alter. Vielleicht ist es ein Betriebssystem, das von der Wirtschaft nicht mehr unterstützt wird. Kein Update mehr. Keine Sicherheitspatches.

Ich baue jetzt erst mal weiter an meinen eigenen Welten auf scribbs.de. Wer dort vorbeischaut, sieht, was passiert, wenn man Substanz und Erfahrung einfach mal machen lässt. Ohne Filter. Ohne Erlaubnis.

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