Notizen aus der Warteschleife. Folge 98: Die Rekultivierung der Begeisterung. Warum „Pause“ eigentlich „Anlauf“ bedeutet.

In einer Welt, die das Hamsterrad zum Lebensraum erklärt hat, gilt eine zweijährige Abwesenheit vom Büro-Alltag oft als eine Art zivilisatorischer Totalschaden.

Man wird beäugt wie ein Astronaut, der zu lange im All war: Hat er noch genug Knochendichte für die hiesige Schwerkraft? Kann er noch „Deadline“ sagen, ohne weinerlich zu werden?

Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Wer die Resilienz besitzt, nach unfreiwillig gedrücktem Pausenbuzzer, nicht an der Pause zu verzweifeln, kehrt nicht als rostiges Eisen, sondern als geschmiedeter Stahl zurück.

Ich habe in den letzten Wochen den Selbstversuch gewagt und meine interne Revision abgeschlossen. Das Ergebnis ist so eindeutig wie überraschend: Ich bin nicht nur arbeitsfähig, ich bin vermutlich in der Form meines Lebens.

Die Ausgeruhtheit als Wettbewerbsvorteil:
Während die halbe Belegschaft mit hängenden Schultern und dem dritten Burnout-Präventions-Podcast im Ohr durch den Flur schleicht, bringt der Rückkehrer eine Energie mit, die fast schon illegal wirkt. Er hat keine Lust auf Dienst nach Vorschrift. Er hat Lust auf das Abenteuer „Projekt“.

Die Schärfung des Wesentlichen:
Wer nicht zwei Jahre lang täglich im kleinteiligen Wahnsinn gefangen war, erkennt plötzlich, wo die Brücken wirklich gebaut werden müssen. Die „Betriebsblindheit“ wurde durch eine neue Klarheit ersetzt.

Souveränität durch Erlebtes:
Wer sein Segelboot im Alleingang navigiert hat, den erschüttert ein „eilt sehr!“-Betreff in einer E-Mail nicht mehr. Er weiß, wie man den Sturm übersteht, ohne die Souveränität am Steuerrad abzugeben. Er bringt eine Gelassenheit mit, die man nicht in Seminaren lernt, sondern nur durch Distanz.

Die „Lücke“ im Lebenslauf ist kein Vakuum. Sie ist der Raum, in dem die Neugier neu gewachsen ist.

Ich bin bereit für das nächste Kapitel. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich es will. Und weil ich weiß, dass ich gerade jetzt den Unterschied machen kann. Mit kühlem Kopf, vollen Akkus und einem Humor, der auch dann nicht verloren geht, wenn es mal wirklich stürmisch wird.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Umwege. Sie kennen meistens die schöneren Aussichten.

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