Notizen aus der Warteschleife. Folge 97: Das große Synchronschwimmen der Phrasen: Warum wir im Job so reden, als wären wir kaputte Verkaufsautomaten.

Haben Sie sich heute auch schon durch ein Meeting „agiliert“ oder eine „Synergie gehoben“?

Es ist Mittwoch, die Woche nach den Osterfeiertagen ist schon wieder in vollem Gange, und damit auch das große rituelle Theater der beruflichen Kommunikation.

Wir haben uns so sehr an eine Sprache gewöhnt, die klingt, als hätte man ein Management-Handbuch von 1994 in einen Mixer geworfen, dass uns die Wahrheit fast schon wie eine Beleidigung vorkommt.

Besonders grotesk wird es, wenn sich zwei erwachsene Menschen im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen und Sätze austauschen, die an die Zwitscherrituale seltener Paradiesvögel erinnern, nur mit weniger bunten Federn.

Das Bullshit-Bingo der rituellen Fragen:
„Was ist Ihre größte Schwäche?“ Der traurige Klassiker. Die einzig zulässige Antwort ist eine als Defekt getarnte Superkraft: „Ich bin einfach zu perfektionistisch“ oder „Ich vergesse über der Arbeit manchmal die Zeit“.

Würde man die Wahrheit sagen („Ich habe eine krankhafte Abneigung gegen unnötige Status-Updates und morgendliche Motivationsmeetings“), wäre das Gespräch beendet, bevor der lauwarme Kaffee getrunken ist.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Eine Frage, die in einer Welt, in der sich Märkte alle sechs Monate neu erfinden, so sinnvoll ist wie die Wettervorhersage für den 01. Mai 2031.

Eine mögliche Antwort wäre: „Ich möchte nicht nur im Unternehmen wachsen, sondern meine persönliche Lernkurve in eine synergetische Symbiose mit der strategischen Skalierung Ihrer Marktpräsenz bringen, um als integraler Bestandteil Ihrer Erfolgsgeschichte organisch zu reifen.“

Die ehrliche Antwort wäre: „Hoffentlich, mit dem Lottojackpot auf dem Konto, an einem Strand, an dem es kein WLAN gibt.“

„Wir suchen einen belastbaren Digital Native mit Hands-on-Mentalität.“ Übersetzt: „Wir haben keine Ahnung von digitaler Infrastruktur, die Hütte brennt an allen Ecken, und wir brauchen jemanden, der das Feuer mit einer Kaffeetasse löscht und dabei lächelt.“

Warum tun wir uns das an?
Dieses sprachliche Synchronschwimmen dient nur dazu, jede Kante, jeden echten Charakter und jede gefährliche Individualität abzufedern. Wir erschaffen einen „akustischen Teppichboden“: Alles klingt professionell gedämpft, aber niemand sagt mehr etwas Relevantes. Wer die Wahrheit ausspricht, gilt als „schwierig“. Wer das Protokoll der hohlen Worte perfekt beherrscht, wird befördert.

Vielleicht sollten wir diesen Mittwoch nutzen, um den „Phrasen-Automaten“ kurz auf Durchzug zu stellen. Sagen Sie im nächsten Call einfach mal etwas Echtes. Nicht, um die Welt zu retten, sondern nur, um zu sehen, ob das System bei einem Funken Authentizität sofort eine Fehlermeldung ausgibt.

So geht es hier also weiter, nach der kurzen Osaterpause. Ganz ohne „Deep Dive“ und „Low Hanging Fruits“.

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