Notizen aus der Warteschleife. Folge 95: Die Große Umkehrung: Quarantäne für das Goldlöckchen.

Stellen wir uns, rein als geistiges (aber ernstgemeintes) Amüsement zwischen zwei Tassen zu starkem Kaffee, eine kleine, aber wirkungsvolle Umstellung am Recruiting-System vor.

Was wäre, wenn wir den Spieß umdrehen? Was, wenn das ATS plötzlich eine Art ästhetisches Bewusstsein entwickelte? Wenn es plötzlich Fairness, Intellekt und Empathie entwickeln würde.

Stellen wir uns vor, der Algorithmus würde nicht mehr Erfahrung, Alter und Lücken ausfiltern, sondern Langeweile und Glätte.

In dieser wunderbaren neuen Welt würde jede Bewerbung, die eine lückenlose Abfolge von „Junior-Irgendwas“ zu „Senior-Sowieso“ aufweist, sofort in einen digitalen Hochsicherheitstrakt verschoben. Warnleuchten würden blinken: „Achtung! Verdacht auf klinische Fehlerfreiheit! Biografische Reizdeprivation detektiert!“

Das neue ATS würde dann anmerken, dass ein Lebenslauf ohne Brüche wie eine Wohnung ohne Bücherregale wirkt: Man weiß zwar, dass dort jemand wohnt, aber man möchte unter keinen Umständen mit ihr oder ihm zu Abend essen.

Warum also nicht den Goldlöckchen-Standard automatisch ausfiltern?

Jemand, der mit 32 Jahren bereits drei „Agile Superzertifikate“ besitzt, aber noch nie an einer komplizierten Kundenhierarchie oder einem widerspenstigen Projektteam (fast) verzweifelt ist, müsste erst einmal nachweisen, dass er überhaupt über ein zentrales Nervensystem verfügt.

In unserem neuen System wäre die „Lücke“ das Qualitätssiegel. Wer zwei Jahre lang in der Extremadura versucht hat, eine verfallene Finca ohne Stromanschluss in ein Refugium für digitale Nomaden zu verwandeln, oder im Alleingang ein Segelboot über den Atlantik komplementiert hat, der bringt mehr echte Resilienz mit als jedes dreitägige Achtsamkeits-Seminar in einem klimatisierten Tagungshotel jemals vermitteln könnte.

Irgendwer hat mal gesagt: „Nur wer den Schlamm der Realität gekostet hat, kann den Wein des Erfolgs wirklich dekantieren.“

In der Goldlöckchen-Quarantäne müssten die „Perfekten“ erst einmal ein Praktikum im echten Leben absolvieren. Sie müssten beweisen, dass sie mehr sind als die Summe ihrer Buzzwords.

Währenddessen winken wir die bisher Aussortierten, die 50+-jährigen Strategen, die bunten Quereinsteiger, die Leute mit den hübschen Fälzchen im CV, einfach direkt in die Entscheidungszentren durch. Eben da, wo sie hingehören 😉

Warum nicht tatsächlich mal ausprobieren? Es wäre das Ende der Sicherheits-Paranoia. Wir würden nicht mehr fragen: „Passt er in die Box?“, sondern: „Ist er in der Lage, die Box aufzukrempeln, falls sie den Weg versperrt?“

Ein Unternehmen, das mutig genug wäre, die „Glatten“ auszufiltern und die „Kantigen“ einzuladen, würde innerhalb von sechs Monaten eine Innovationskraft entwickeln, die so hell leuchtet, dass die Konkurrenz ihre Sonnenbrillen suchen müsste. Versprochen.

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