Es gibt eine Sache, die Unternehmen im Moment erstaunlich gelassen übersehen. Zeit und Zukunft.
Der Arbeitsmarkt wirkt gerade so, als wäre er in Stein gemeißelt. Ist ein reiner Arbeitgebermarkt. Filter funktionieren. Bewerber werden wegsortiert, abserviert. Lebensläufe verschwinden still aus dem System, ohne dass jemand erklären muss, warum. Ghosting ist heute nicht nur einfach unhöflich und respektlos, sondern ein Prozessschritt.
Es wird zur neuen Normalität.
Es ist wohl gerade so, dass man glaubt, immer genug Auswahl zu haben.
Besonders ruhig scheint man zu bleiben, wenn es um Bewerber 50+ (von 60+ will ich hier gar nicht erst anfangen) geht. Sie tauchen in vielen Prozessen gar nicht mehr richtig auf. Sie werden gefiltert, bevor ein Gespräch entsteht. Sie verschwinden in der Kategorie „nicht ganz passend“, was eine erstaunlich elegante Umschreibung für „zu alt“ ist. Diskriminierung at its best.
Das funktioniert leider, zumindest im Moment.
Aber der Arbeitsmarkt ist kein Möbelstück. Er ist ein Pendel. Es schwingt langsam. Aber Pendel haben die unangenehme Eigenschaft, irgendwann zurückzuschwingen.
Was heute als „zu alt“ gilt, ist morgen wieder Erfahrung.
Was heute als „zu teuer“ gilt, ist morgen Stabilität und Zuverlässigkeit.
Was heute als „nicht mehr passend“ gilt, ist morgen genau das, was fehlt.
Während Unternehmen immer lustigere Superfilter basteln, passiert auf der anderen Seite etwas anderes: Menschen ziehen sich zurück.
Die heute 55- oder 60-Jährigen verschwinden nicht einfach. Sie gehen in Rente. Sie werden selbstständig. Sie entscheiden irgendwann, dass sie sich nicht mehr permanent erklären und ablehnen lassen wollen. Und mit ihnen verschwindet etwas, das man nicht so leicht ersetzen kann: Ruhe, Erfahrung, Überblick. Und es wird nicht bei dieser Generation bleiben.
Auch die Jüngeren schauen sich den Arbeitsmarkt gerade sehr genau an. Wenn man ihnen jahrelang erzählt, dass sie „zu unerfahren“, „zu wechselhaft“ oder „nicht ganz passend“ sind, dann passiert etwas völlig Logisches: Sie orientieren sich um. Sie gehen dorthin, wo sie nicht zuerst gefiltert, sondern gebraucht werden.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Krise des Arbeitsmarktes. Ein Arbeitsmarkt, der Menschen nur noch als Trefferquote betrachtet, verliert irgendwann die Menschen selbst. Und dann wird plötzlich sehr viel hektischer gesucht: nach Erfahrung, nach Verlässlichkeit, nach Menschen, die Verantwortung übernehmen können, ohne dass man ihnen jeden Schritt erklären muss.
Nur sind diese Menschen dann nicht mehr da.
Und vielleicht wird man sich dann erinnern, dass es einmal eine Generation gab, die nicht perfekt war, aber zuverlässig. Nicht makellos, aber erfahren. Nicht jung, aber immer noch neugierig.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem der Arbeitsmarkt merkt, dass er nicht nur Bewerber übersehen hat.
Sondern seine eigene Zukunft.

















































