Notizen aus der Warteschleife. Folge 94: Die industrielle Entsorgung von Talent und Zukunft.

In ein paar Stunden ist Freitagnachmittag, Feierabend, Wochenende. In den facharbeitersuchenden Unternehmen und Agenturen wird das Licht gelöscht, die Computer werden hinuntergefahren.

Aber vorher hat der Algorithmus noch einmal ordentlich durchgewischt.

In den letzten Tagen haben wir hier viel über das „Suchen nach dem Nichts“ debattiert. Über diesen seltsamen Drang, Biografien so lange zu filtern, bis nur noch der geschmacksneutrale Kern übrig bleibt.

Wir haben über das Phänomen gesprochen, dass Erfahrung oft wie ein Defekt behandelt wird, während die perfekte Glätte als höchstes Gut gilt.

Aber schauen wir uns das Ganze mal mit ein wenig Abstand an:
Es ist eine bizarre Form der Selbstbeschränkung: Unternehmen klagen über Stillstand, während sie im Recruiting jede Form von Reibung, also jede Form von Charakter, konsequent aussortieren. Man baut sich Teams aus Spiegelbildern und wundert sich dann, dass keine neuen Fenster geöffnet werden.

Was mich dabei am meisten erstaunt: Wo ist eigentlich die Innovation geblieben?

Wir digitalisieren alles, wir bauen KIs, die Sinfonien schreiben, und wir optimieren Lieferketten in Echtzeit. Aber der Bewerbungsablauf? Der hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Wir schicken immer noch digitale Kopien von bedrucktem Papier (PDFs) hin und her, die dann von Maschinen nach Schlagworten gesiebt werden.

Das ist so, als würde man den edelsten Riesling aus dem Rheingau suchen, ihn aber beim Tasting durch einen alten Kaffeefilter dekantieren, damit er bloß keine Ecken und Kanten hat.

Während sich die Welt mit Lichtgeschwindigkeit weiterdreht, verharrt das Recruiting irgendwie in einer Art bürokratischer Schockstarre.

So kann es nicht weitergehen. Nicht für die, die draußen vor der Tür stehen, und auch nicht für die Unternehmen selbst, die an ihren eigenen Filtern langsam ersticken und es wahrscheinlich viel zu spät erkennen werden.

Es muss einen Ausweg aus dieser automatisierten Empathielosigkeit geben.
Ich habe am Wochenende ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Vielleicht habe ich nächste Woche die ein oder andere Idee dazu, die man mal ausprobieren könnte. Nichts Kompliziertes, eher eine Art Umkehrung der Logik.

Dann sitze ich am Sonntag in Mainz am Rhein bei einem Glas Riesling, in der Sonne, mit meinem Schreibblock und denke mir was Schönes aus. Und bin gespannt auf die Reaktionen. Man kann etwas verändern, verbessern, wenn man nur will.

Aber schaut doch bis dahin ruhig mal in Eure digitalen Papierkörbe. Es dürfte überraschend interessant sein, was man dort findet, wenn man aufhört, nur nach dem Mindeststandard zu suchen.

Ein schönes, ruhiges oder aufregendes und hoffentlich sonniges Wochenende! Bis Montag dann 😉

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner