Notizen aus der Warteschleife. Folge 99: Die Kunst des Anlaufs oder warum Stillstand eine optische Täuschung ist.

Die mit dem „Anlauf nehmen“ möchte ich hier gerne nochmal aufnehmen. In einer Welt, die auf Highspeed programmiert ist, wirken zwei Jahre Pause oft wie ein technischer Defekt im Lebenslauf. Aber wer mal einen Weitspringer in Zeitlupe beobachtet hat, weiß: Bevor der Körper abhebt, geht es erst einmal tief in die Knie. Die Spannung, die dort aufgebaut wird, sieht von außen aus wie Stillstand. In Wahrheit ist es die höchste Konzentration von Energie auf einen Punkt.

Ich stehe jetzt seit zwei Jahren an dieser virtuellen Startlinie. Und ja, ich habe die Zeit genutzt, um meine Neugier-Akkus nicht nur zu laden, sondern sie quasi gegen ein neueres, leistungsfähigeres Modell auszutauschen. Wenn man zwei Jahre lang den Luxus (und die Herausforderung) hat, den beruflichen Alltag aus der Distanz zu betrachten, lernt man Dinge, die im Meeting-Marathon schlicht untergehen. Man lernt, welche Probleme es wert sind, gelöst zu werden, und wo wir uns oft nur im Kreis drehen.

Resilienz ist dabei so ein Modewort, aber ich habe es in der Praxis buchstabiert. Resilienz bedeutet für mich heute nicht mehr nur durchhalten, sondern mehrfaches umdenken und anpassen. Wenn der Plan A der Karriere eine Pause erzwingt, überlegt man sich eben Plan B, C oder auch D und stellt vielleicht unfreiwillig fest, dass Plan D möglicherweise viel spannender ist.

Diese Flexibilität im Kopf ist wie ein Muskel, den man nur trainiert, wenn der gewohnte Widerstand fehlt.

Meine Resilienzmuskulatur, metaphorisch gesprochen, fühlt sich jedenfalls deutlich gestärkt an.

Ich habe die Richtung geprüft, den Untergrund sondiert und die Schnürsenkel doppelt verknotet. Es geht mir nicht mehr darum, einfach nur wieder mitzumachen. Es geht darum, diesen massiven Anlauf jetzt in echte PS auf die Straße zu übersetzen. Die Neugier ist heute kein diffuses Gefühl mehr, sondern ein präzises Werkzeug. Wer so lange gewartet hat, der fängt nicht einfach nur an oder macht irgendwie weiter. Der legt los.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon mal einen Umweg genommen, der sich im Nachhinein als die schnellste Abkürzung zu eurem wahren Ziel herausgestellt hat? Ich freue mich auf eure Geschichten über das In-die-Knie-Gehen vor dem großen Sprung!
 
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