Was ich in 100 Bewerbungen über Menschen gelernt habe, die nie geantwortet haben

Es heißt ja, Schweigen sei Gold. Im Bewerbungsprozess scheint es mitunter platinveredelt zu sein – so sehr wird es kultiviert.

Nach über 100 versendeten Bewerbungen kann ich sagen: Ich habe sie kennengelernt. Die Meister*innen des Nichtsagens. Die Zen-Meister des digitalen Nirwanas. Die Ghosting-Profis. Die unsichtbaren Hände hinter „no-reply@unternehmen.de“.

Ich habe gelernt, dass man mit einem Klick auf „Antworten“ oder eben auch „Absage senden“ offenbar mit einer Art Notfallprotokoll verbunden ist – anders kann ich mir die Angst davor nicht erklären.

Ich habe gelernt, dass viele Unternehmen zwar „wertschätzende Kommunikation“ in ihre Karriere-Websites schreiben, aber offenbar nur in der Schrödingerschen Variante: Sie findet gleichzeitig statt und nicht statt.

Ich habe gelernt, dass ein Lebenslauf mit 20 Jahren Berufserfahrung und einem durchdachten Anschreiben weniger Rückmeldung erzeugt als ein Katzenbild mit dem Text „Hire meow!“.

Ich habe gelernt, dass man als Bewerber ein Hochleistungskommunikator sein soll – bitte individuell, persönlich, kreativ und präzise – während die Reaktion darauf in etwa der Aufmerksamkeit eines Toasters gleicht.

Aber vor allem habe ich gelernt: Es liegt nicht an mir.

Es liegt an einem System, das Recruiting als Einbahnstraße begreift. Das Menschen als Filtermasse behandelt. Das auf schiere Effizienz optimiert ist, aber nie auf Haltung, Respekt und Anstand.

Ich schreibe trotzdem weiter. Natürlich, weil ich einen Job brauche, aber auch weil ich glaube, dass es da draußen noch echte Menschen gibt, die echtes Interesse an echtem Miteinander haben. Die vielleicht sogar antworten.

Bis dahin: Danke fürs Schweigen. Es war nicht schön, aber lehrreich.

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