Nachdem ich meinen letzten Beitrag geposted hatte, kam mir folgende Frage in den Sinn: „Was sollen die Recruiter denn dann machen, wenn mehrere hundert Bewerbungen auf eine einzige Stelle eingehen?“
Die Antwort wäre eigentlich recht einfach. Aber er führt uns direkt in das Goldlöckchen-Paradox des Arbeitsmarktes.
Wenn 100+ Menschen vor der Tür stehen, verwandelt sich Recruiting wohl oft von einer Talentsuche in eine Art industrielle Wareneingangskontrolle. Man sucht die Normschraube. Jede Schramme im Lebenslauf, jede individuelle Windung wird als Materialfehler aussortiert, weil man Angst hat, dass die Maschine stottert, wenn ein Bauteil plötzlich eine eigene Meinung hat.
Denn die Goldlöckchen-Normschraube ist sicher. Sie hat keine Risse (Lücken), sie ist nicht zu alt (Patina), es wurde noch nichts verschraubt (Erfahrung) und sie hat keine irritierenden Gebrauchsspuren (Quereinstiege).
Der ideale Kandidat darf nicht zu jung sein (unzuverlässig!), aber bloß auch nicht zu alt (zu teuer/starr(krank!). Er soll frische Impulse bringen, aber bitte exakt so funktionieren wie die perfekte Superschraube. Er soll Out-of-the-box denken, aber bitteschön lückenlos in die Box passen.
Das Ergebnis: In einem Stapel von 100+ Dossiers wird „Erfahrung“ plötzlich zum statistischen Störfaktor. Wer 25+ Jahre lang Projekte gestemmt hat, bringt unweigerlich eine eigene Textur mit. Er hat Kanten. Er hat eine Meinung. Er hat eine Biografie, die nicht im Labor entworfen wurde.
Wir entscheiden uns für das „Ersatzteil“, das am geräuschlosesten in die Firmen-Matrix passt. Was aber bedeutet das für die 100+ anderen? Für die Architekten, Strategen und Gestalter, die fantastische Arbeit leisten könnten, aber deren Werdegang nicht dem Goldlöckchen-Superstandard entspricht?
Sie werden dauerhaft übersehen. Nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen der kollektiven Angst vor allem, was nicht normiert ist.
Und hier stellt sich mir die entscheidende Frage: Nicht mehr „Was wollt ihr eigentlich?“ , sondern „Wie bringen wir Recruiting-Abteilungen dazu, dieses Goldlöckchen-Paradox aufzulösen?“
Wie knacken wir ein System, das so sehr auf Sicherheit fixiert ist, dass es echte Exzellenz gar nicht mehr erkennt?
Müssen wir die Art, wie wir uns zeigen, radikal ändern? Weg vom PDF, hin zur Persönlichkeit, wobei das PDF inkl. Anschreiben immer noch oft explizit verlangt wird? Außerdem: Was soll dann das ATS machen, wenn es nichts zu filtern gibt?
Wie viel Zeit wollen wir noch damit verschwenden, uns als Goldlöckchen zu verkleiden, nur um Leuten zu gefallen, die Angst vor der kleinsten Schramme haben?

















































