Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr viele Stellenanzeigen gelesen. Viel zu. Viele.
So viele, dass ich inzwischen glaube, man könnte daraus ein neues literarisches Genre machen. Eine Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und Wunschdenken. Mit sehr viel „Wir suchen kreative Köpfe“ und sehr wenig Realität.
Was mich dabei wirklich interessiert, ist eine einfache Frage:
Was wollt ihr eigentlich?
Ihr schreibt, ihr sucht passende Mitarbeiter. Menschen, die zum Job passen, ins Team passen, zur Unternehmenskultur passen, Projekte leiten, Kunden bespaßen, Probleme lösen. Das klingt logisch. Das klingt vernünftig. Das klingt sogar manchmal sympathisch.
Aber dann beginnen auch schon die Merkwürdigkeiten:
Ihr wollt niemanden, der gerade arbeitslos ist.
Ihr wollt niemanden, der zwar die Erfahrung hat, aber dann plötzlich zu alt ist.
Ihr wollt keine Quereinsteiger.
Ihr wollt keine Lebensläufe mit Umwegen.
Ihr wollt keine Lücken.
Ihr wollt niemanden, der zu oft gewechselt hat.
Und anscheinend wollt ihr auch niemanden, der zu lange geblieben ist.
Man sitzt davor und denkt: Das ist interessant. Denn langsam wird der Kreis der möglichen Menschen erstaunlich klein.
Man könnte fast glauben, ihr sucht gar keinen Menschen. Sondern eine Art Lebenslauf-Ideal, das nie etwas falsch gemacht hat, nie das Pech hatte arbeitslos zu werden, nie gezweifelt hat und vermutlich schon mit 23 genau wusste, wo es mit 45 stehen wird.
Ich frage das wirklich nicht vorwurfsvoll. Eher aus Neugier. Ist euch eigentlich klar, was ihr da auf dem Arbeitsmarkt gerade anstellt?
Menschen über 50 verschwinden langsam aus euren Prozessen, oft ohne dass sie überhaupt eine Chance hatten. Menschen mit Erfahrung werden plötzlich als Risiko betrachtet. Menschen mit Brüchen im Lebenslauf gelten als problematisch, obwohl genau diese Brüche oft das sind, was jemanden interessant macht.
Und gleichzeitig hört man überall vom Fachkräftemangel.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht daran, dass es zu wenig passende Bewerber gibt. Vielleicht liegt es daran, dass immer weniger Bewerber in dieses sehr schmale Ideal passen, das sich irgendwer irgendwann einmal ausgedacht hat.
Ich frage, weil ich glaube, dass der Arbeitsmarkt gerade in eine Richtung läuft, die auf lange Sicht niemandem hilft. Weder den Unternehmen noch den Bewerbern. Und vor allem nicht denen, die eigentlich genau das könnten, was gesucht wird.
Vielleicht wäre die wichtigste Frage im Recruiting im Moment gar nicht: „Passt dieser Bewerber zu uns?“
Sondern eine andere:
Wissen wir eigentlich selbst noch, wen wir wirklich suchen?
Ich würde mich ehrlich über eine Antwort freuen. Keine Floskel, keine Standardformulierung, sondern eine echte Antwort. Denn im Moment wirkt es ein wenig so, als würden sehr viele Menschen etwas suchen, von dem sie selbst nicht genau wissen, wie es eigentlich aussieht.

















































