Notizen aus der Warteschleife. Folge 90: Arbeitsmarkt-Skizze Nr. 2.

Es gibt eine stille Übereinkunft auf dem Arbeitsmarkt.
Niemand hat sie je ausgesprochen, aber alle handeln danach.
Unternehmen tun so, als suchten sie händeringend.
Bewerber 50+ tun so, als würden sie noch hoffen.

Dazwischen liegt ein Weg aus Floskeln, Portalen und automatisierten Filtern und Absagen, der ungefähr so sinnvoll begehbar ist wie ein Pilgerweg ohne Ziel.

Man bewirbt sich.
Man lädt Dokumente hoch.
Man füllt Formulare aus, die Fragen stellen, die längst beantwortet wurden.
Man klickt auf „Senden“.
Und dann passiert: wenig bis nichts.
Oder vielleicht: Es passiert irgendwo etwas, nur man bekommt davon nichts mehr mit.

Algorithmen sortieren. Systeme filtern. Kriterien greifen.
Ein Lebenslauf wird (ver)beurteilt, ohne wirklich gelesen zu werden.
Ein Mensch wird bewertet, ohne wirklich gesehen zu werden.

Das gilt möglicherweise effizient.
Aber es ist vollkommen absurd.

Der moderne Arbeitsmarkt ist kein Ort der Begegnung mehr.
Er ist ein System der Vermeidung.

Man vermeidet Risiko.
Man vermeidet Abweichung.
Man vermeidet alles, was nicht sofort eindeutig einzuordnen ist.

Und so entsteht ein seltsames Paradox:
Alle suchen Individualität, aber bitte nur in standardisierter Form.
Der ideale Bewerber ist jemand, der auffällt, ohne aufzufallen.
Der besonders ist, ohne anders zu sein.
Der Erfahrung hat, aber keine Geschichte und alterslos daherkommt.

In der Realität sitzen dann Menschen vor ihren Bildschirmen und fragen sich, ob sie vielleicht ein Detail übersehen haben.
Eine Formulierung.
Ein Schlagwort.
Einen dieser unsichtbaren Codes, die darüber entscheiden, ob man existiert oder nicht.

Gleichzeitig wird der Ton rauer.
Ältere gelten als schwierig.
Jüngere als ungeduldig.
Quereinsteiger als Risiko.
Lücken im Lebenslaufe als gefährlich.

Es ist ein System, das alles weiß, außer, was es eigentlich will.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es interessant wird.
Denn während der Arbeitsmarkt immer perfektere Filter entwickelt, passiert auf der anderen Seite etwas anderes:
Menschen beginnen, sich zu entziehen.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Eher leise, fast unauffällig.
Sie bewerben sich weniger.
Sie hinterfragen mehr.
Sie hören auf, sich permanent anzupassen.

Und plötzlich steht da diese unausgesprochene Frage im Raum:
Was passiert eigentlich, wenn die, die gesucht werden, aufhören, sich finden zu lassen? Wenn sie irgendwann nicht mehr zur Verfügung stehen, aber „händeringend“ gebraucht werden?

Vielleicht ist das die eigentliche Krise.
Nicht der Mangel an Fachkräften.
Sondern der schleichende Verlust an Vertrauen.

Und irgendwo zwischen all dem sitzt man dann selbst, schaut auf den nächsten „Jetzt bewerben“-Button und denkt:
Vielleicht ist das gar keine Einladung.
Vielleicht ist es nur eine weiterer Weg ohne Ziel.
Vielleicht sucht man sich dann einen eigenen Weg.
Einen Weg, dessen Ziel man selbst bestimmt.

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