Notizen aus der Warteschleife. Folge 88: Der Prozess führt zur Verwandlung.

Kafka hat Gregor Samsa ins Käferdasein verwandelt. Ich beginne zu glauben, dass er vorher mindestens 2 Jahre auf Jobsuche war.

Vielleicht ist meine wahre Verwandlung nicht die in einen Job, sondern in jemanden, der das Absurde erkennt, darüber schreibt und trotzdem weitergeht. Wer sich dem Algorithmus und den Schablonen widersetzt, hat schon irgendwie gewonnen.

Nach zwei Jahren Jobsuche beginne ich allerdings zu glauben, dass der moderne Bewerbungsprozess eher einem anderen Werk von Franz Kafka ähnelt:
„Der Prozess“.

Dort wacht die Hauptfigur, Josef K., eines Morgens auf und stellt fest, dass gegen ihn ein Verfahren läuft.

Das Merkwürdige daran: Er weiß nicht warum.
Niemand erklärt ihm, was genau das Problem ist.
Die Regeln bleiben unklar.
Das System arbeitet im Hintergrund weiter.
Er bekommt keine Antworten auf seine Fragen.
Das kommt mir irgendwie bekannt vor 😉

Je länger ich mich durch Bewerbungsportale, automatisierte Absagen und algorithmische Vorauswahlen arbeite, desto vertrauter kommt mir diese Situation vor.

Man bewirbt sich.
Irgendwo im System beginnt ein Verfahren.
Man weiß nur nicht genau welches.
Man lädt seinen Lebenslauf hoch, formuliert Anschreiben, beschreibt seine Erfahrungen, Projekte, Ideen. Nach neuesten bewerbungstheoretischen Erkenntnissen steht dann Impact vor Erfahrung und Benefit vor Skills.

Und dann passiert wahrscheinlich irgendwo etwas. Aber man bekommt davon nichts mit.
Eine automatische Nachricht erscheint.
Langweilige, immer gleiche Textbausteine.
„Leider müssen wir Ihnen mitteilen …“
Das war’s. Immer öfter wird auch einfach nur geghostet.

Im Roman versucht Josef K. verzweifelt herauszufinden, was ihm eigentlich vorgeworfen wird. Im modernen Bewerbungsprozess versuchen Bewerber oft herauszufinden, warum sie abgelehnt wurden.
Zu alt? Zu jung?
Zu erfahren?
Zu viele Skills?
Zu wenig spezialisiert?
Zu viel Quereinsteiger?
Die Antwort bleibt im System verborgen. Man erfährt es nicht.

Vielleicht ist das die eigentliche kafkaeske Erfahrung des modernen Arbeitsmarkts:
Man wird bewertet, geprüft, aussortiert, ohne zu wissen, nach welchen Regeln.

Und während ich trotzdem weiterhin Bewerbungen schreibe, wächst ein leiser Verdacht:
Vielleicht hätte Kafka heute keine Romane mehr schreiben müssen. Er hätte einfach zwei Jahre lang vergeblich Bewerbungen schreiben müssen.

Der Prozess führt zur Verwandlung.

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