Notizen aus der Warteschleife. Folge 87: Die Murmeltiere des Arbeitsmarktes.

Ich wache auf.
Musik an.
Kaffee. Computer an.
Mails checken.
Bewerbungen schreiben.
Absagen.
Ghosting.
Wiederhole die Wiederholungen.
Murmeltier.

Zwei Jahre genau so. Ich beginne mich zu fragen, ob ich überhaupt noch Mensch bin oder nur ein Büro-Murmeltier, das endlos im Kreis läuft.

Der Arbeitsmarkt fühlt sich an wie ein ewiger Winter. Man buddelt sich durch Anforderungen, studiert Stellenausschreibungen, optimiert Lebensläufe, schreibt und verschickt Anschreiben. Nur um am Ende wieder am Ausgangspunkt zu stehen.

Letzte Woche habe ich gezählt: Über 350 Bewerbungen. Einige auf Jobs, die mich wirklich gereizt hätten, viele eher aus Verzweiflung.

Die Antworten? Meist automatisch, freundlich, aber leer: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass …“ Punkt und Ende. Keine Begründung, kein Feedback, keine Spur von Menschlichkeit.

Manchmal stelle ich mir vor, dass irgendwo ein kleines Murmeltier-Komitee sitzt, das meine Bewerbung kurz (8 Sekunden) betrachtet, dann wieder einschläft. Vielleicht sind wir alle Murmeltiere, die darauf warten, dass jemand den Winterschlaf beendet.

Hier die drei großen Fallen für die Murmeltiere des modernen Arbeitsmarktes:

1. Das Alter als Defekt: In einer Welt, die „Agilität“ an der Geschwindigkeit beim Tippen misst, gilt Erfahrung oft als Ballast. Man fürchtet die Souveränität derer, die schon Krisen gemanagt haben, als die heutigen Recruiter noch im Sandkasten saßen. Man möchte formbare „High Potentials“, keine fertigen Persönlichkeiten mit eigener Meinung.

3. Die Quereinsteiger-Falle: HR-Algorithmen sind auf lückenlose Schablonen programmiert. Wer sich erlaubt hat, sich zu wandeln, vom Mediengestalter zum Strategen, vom Angestellten zum Künstler, fällt durch das Raster. Das System versteht keine Metamorphosen; es versteht nur gleichförmige Zeilen im Lebenslauf.

3. Die Entwertung der Erfahrung: Man ruft nach Experten, meint aber eigentlich billige Arbeitskraft, die keine Fragen stellt. Souveränität wird als „überqualifiziert“ gelabelt. Ein Codewort für: „Du durchschaust unsere internen Absurditäten zu schnell.“

Aber dann denke ich an meine Projekte, meine Ideen, die ich selbstständig weiterentwickle, die Bilder, die ich male, Texte, die ich schreibe, Musik, die ich produziere. Da bin ich kein Murmeltier. Da bin ich Mensch.

Die Metamorphose, die Kafka in „Die Verwandlung“ beschrieb, passiert hier jeden Tag, nur subtiler. Nicht der Mensch verändert sich plötzlich in ein Insekt, sondern das System verwandelt Menschen in Datenpunkte, Risiken, Sonderfälle.

Und während ich mich weiterhin bewerbe, zwischen Absagen, Algorithmen und Schablonen, wächst die leise Hoffnung, dass eines Tages die Menschlichkeit zurückkehrt oder wir sie selbst schaffen.

Bis dahin: Kaffee, Computer, LinkedIn, Bewerbungen. Absagen. Wiederholung. Und ein Lächeln für das Murmeltierchen in mir.

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