Notizen aus der Warteschleife. Folge 66: Arbeitsmarkt, ein Zwischenruf aus der Zwischenzeit.

22 Monate arbeitssuchend.
4 Monate Bürgergeld.
300+ Bewerbungen.
299+ Absagen.
Eine Antwort fehlt noch. Vielleicht ist sie auf dem Postweg. Oder in einem Paralleluniversum.

Der Rest: Funkstille. Das Ghosting hat inzwischen Serienreife.

Man sagt ja, es gäbe einen Fachkräftemangel.
Ich sehe eher einen Realitätsmangel.
Und eine erstaunliche Dichte an Menschen, die beruflich „Talent Acquisition“ heißen, aber panisch reagieren, sobald echtes Talent auftaucht, insbesondere mit Erfahrung, Rückgrat und eigener Meinung.

Der Arbeitsmarkt funktioniert momentan wie ein schlecht programmiertes Matching-Tool:
Rosa Einhörn gesucht.
Mensch gefunden.
Und sofort geblockt.

Politik in Berlin erklärt derweil, wir müssten „alle den Gürtel enger schnallen“, „wir müssen alle mehr und länger arbeiten“.
Interessant. Und wo sollen dann die Jobs zum länger arbeiten herkommen?

Weltpolitik?
Ein Wettbewerb in Inkompetenz, Narzissmus, Dummheit, Perversion und Brutalität.

Und irgendwo dazwischen sitzt der Arbeitsmarkt und tut so, als hätte das alles nichts miteinander zu tun.

Stellenanzeigen lesen sich wie Wunschzettel eines sehr verwöhnten Kindes:
25 Jahre alt.
30 Jahre Erfahrung.
Bitte kreativ, belastbar, billig.
Und vor allem: dankbar.

Nach 300+ Bewerbungen frage ich mich:
Soll ich mich kleiner machen?
Dümmer stellen?
Oder mein Geburtsdatum auf „Startup-kompatibel“ korrigieren?

Spoiler:
Ich mache das nicht.
Ich bin qualifiziert.
Ich bin erfahren.
Ich bin belastbar.
Ich bin ehrlich.
Und ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als wäre das ein Makel.

Falls also jemand wirklich arbeitet und denkt, nicht nur Prozesse verwaltet, nicht nur Schlagworte austauscht, sondern Entscheidungen selber treffen kann: wäre schön so jemandem im Bewerbungsdschungel mal zu begegenen.

Ich bin da.
Leicht genervt.
Voll einsatzfähig.
Troz allem erstaunlich geduldig.

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