Notizen aus der Warteschleife. Folge 85: Gestern hatte ich Jubiläum. Eine Gala für das Nichts. Teil 2.

Jubiläen sind auch Momente der Bilanz.

Man feiert nicht. Das wäre unangemessen. Man hadert nicht mehr; das wurde bereits gründlich erledigt, in jenen stillen Nächten zwischen Bewerbung 47 und Bewerbung 233, als man sich fragte, ob man vielleicht die falsche Sprache spricht, die falsche Form hat, zu erfahren ist, zuviel kann, das falsche Geburtsjahr angegeben hat.

Man schreibt. Man malt. Man musiziert. Man schreibt das Buch fertig, das niemand bestellt hat. Und das deshalb vielleicht das ehrlichste wird, das man je schreiben konnte.

Ganz ohne Briefing. Ganz ohne Zielgruppenanalyse. Ganz ohne Gant, Scrum oder Wasserfall. Ganz ohne jemanden, der in der Mitte sagt: „Können sie bitte ein angepasstes Angebot schicken, das ist uns zu teuer“.

Vielleicht ist das der eigentliche Witz: Dass ausgerechnet die zwei Jahre ohne Stelle die produktivsten waren. Dass der Lebenslauf, der nirgendwo reinpasst, der interessanteste ist. Dass hunderte Absagen – ein kleines (aber langweiliges) literarisches Genre für sich – irgendwann zu Rohstoff werden.

Zwei Jahre.
Die Agentur für Arbeit nennt das „längere Erwerbslosigkeit“. Für das Joncenter ist man ein „Langzeitarbeitsloser“.

Ich nenne es: Forschungsaufenthalt ohne Stipendium. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Und der festen Absicht, irgendwann doch noch jemanden zu finden, dem das Möbelstück gefällt. Und wenn ich es selbst kaufen und durch die Eingangstür pressen muss.

Nach 730 Tagen ist die Angst weg (fast). Wenn man zwei Jahre lang im digitalen Wartesaal saß und die Tapete angestarrt hat, beginnt man irgendwann, die Konturen der Raufasertapete als Landkarten zu lesen. Man begreift: Das System wird mir kein Geschenk machen.

Ich habe verstanden: Das System wird mir die Bestätigung nicht geben, die ich längst in mir selbst gefunden habe. Es hat schlicht kein Messgerät für den Wert eines Menschen jenseits einer Lohnsteuerkarte.

Dieses Jubiläum markiert den Weg zum Ende meiner Karriere als Suchender. Ich kündige hiermit schon mal meine Mitgliedschaft im Club der Wartenden. Die zwei Jahre waren kein Loch im Lebenslauf, sondern eine Inkubationszeit.

Während die Welt noch über „Resilienz“ und „Agilität“ in Powerpoint-Folien schwadroniert, habe ich auf scribbs.de eine eigene Welt gebaut. Ich feiere heute nicht den Mangel an Arbeit, sondern den Überschuss an Freiheit.

Danke für die Glückwünsche. Die Torte ist aus Pixeln, aber sie schmeckt verdammt gut.

Dann würde ich das nächste Jubiläum gerne wieder in einem Büro feiern. Im besten Fälle in meinem eigenen. Den Obstkorb kann ich dann auch selber kaufen.

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