„Du musst den verdeckten Arbeitsmarkt anzapfen! 70 % der Stellen werden nie ausgeschrieben!“
Wenn man lange genug arbeitslos ist, wird einem dieser Rat wie ein heiliger Gral präsentiert. Man stellt sich das wie einen exklusiven Club vor, man braucht nur das richtige Passwort, ein „Warm-Intro“ bei den Entscheidern und muss sich an den digitalen Türstehern vorbeischleichen. Ein strategischer Geheimdienst-Einsatz in eigener Sache.
Ich habe das ausprobiert. Theoretisch durchaus erfolgreich. Das Ergebnis? Eine faszinierende Erkenntnis: Es ist die gleiche Party, nur hinter verschlossenen Türen. Der viel zitierte verdeckte Arbeitsmarkt funktioniert für Menschen meiner Generation exakt wie der offene: Er ist genauso diskriminierend, nur eben mit deutlich mehr Aufwand verbunden.
Ob ich nun eine automatisierte KI-Absage erhalte oder nach einem persönlichen Telefonat und einem direkten Anschreiben an den Geschäftsführer geghostet werde, macht am Ende keinen Unterschied für die Jobsuche. Die Altersdiskriminierung ist kein technischer Fehler im Recruiting-Algorithmus, sie ist eine kulturelle Konstante, eine tief sitzende Angst vor Erfahrung, die nicht mehr formbar ist.
Ob die Stelle nun auf Stepstone steht oder nur in der Schublade eines Creative Directors liegt: Mit 61 Jahren bist du dort oft das „Legacy-Problem“, noch bevor du den ersten Satz deiner Value-Story beendet hast. Es ist die gleiche Sackgasse, nur dass man vorher deutlich mehr emotionales Benzin für die Anfahrt verbraucht hat. Man investiert Stunden in Netzwerkarbeit, nur um am Ende vor derselben Wand aus Ablehnung zu stehen.
Einmnal hatte ich durch einen Freund erfahren, dass in seinem Unternehmen eine neue Stelle als Projektmanager geschaffen werden soll. Ich habe Kontakt aufgenommen mit dem Marketingleiter, hatte zwei Gespräche, hatte meine Bewerbungsunterlagen geschickt. Der Marketingleiter wollte mir den Job geben. Hat dies dann dem CEO vorgestellt. Über den Freund habe ich dann erfahren, dass ich schlicht und einfach als „zu alt“ abgelehnt wurde.
Schlauer sein als der Markt bedeutet für mich heute: Den Berg komplett verlassen. Wenn selbst der Geheimweg zur gleichen Enttäuschung führt, höre ich auf, meine Energie in die Bearbeitung eines resistenten Systems zu stecken. Ich nutze diese Energie mehr und mehr für meine eigene Schöpfungskraft. Der verdeckte Arbeitsmarkt kann ruhig verdeckt bleiben. Ich baue derweil an einer Straße, für die ich keine Einladung brauche. Wo die mich hinbringt wird sich zeigen.

















































