Notizen aus der Warteschleife. Folge 55: Quereinsteiger 50+ oder: Die verbotene Kunst, zu viel zu wissen.

Es gibt Wesen, über die man in Unternehmen nur ängstlich hinter vorgehaltener Hand raunt. Sie tauchen in Bewerbungen auf wie seltene Tiere: Irritierend. Majestätisch. Irgendwie gefährlich. Und vor allem: Unberechenbar.
Man nennt sie: Quereinsteiger 50+.

Diese Spezies besitzt Eigenschaften, die so gefährlich sind, dass man sie in manchen HR-Abteilungen am liebsten hinter einer Glasscheibe mit der Aufschrift „Nur im absoluten Notfall einsetzen“ aufbewahren würde.

Zum Beispiel:
eine eigene Meinung,
erprobte Krisen-Reflexe,
eine moralische Wirbelsäule,
und die vollkommen unmoderne Fähigkeit, Dinge zu Ende zu denken.

Kurz:
Sie wissen zu viel.
Sie können zu viel.
Und sie funktionieren zu gut. Das macht Angst.

Denn Quereinsteiger 50+ haben nicht nur einen Lebenslauf, sie haben einen Erfahrungsschatz aus Erlebnissen, durchzogen von Schluchten, Stürmen, Höhenflügen und heiligen Momenten (und Myriaden sinnloser Meetings, die sie überlebt haben).

Sie besitzen Humor, der durch nichts mehr einzuschüchtern ist. Sie haben schon Vorgesetzte erlebt, die auf PowerPoints allergisch reagierten und Tools überlebt, die heute nur noch im Museum vorkommen. Und trotzdem, oder gerade deshalb, sind sie erstaunlich lösungsorientiert.

Doch in Deutschland glaubt man noch immer:
„Quereinsteiger? Zu kompliziert.“ „50+? Zu alt.“
Als wäre Lebenserfahrung radioaktiv. Als könnte sie die Büroküche kontaminieren.

Dabei sind wir Quereinsteiger 50+ nichts anderes als: Die heimlichen Multitools des modernen Arbeitsmarktes.

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, mal ganz sanft, ganz beiläufig, die große Frage zu stellen: Wer hat eigentlich entschieden, dass Talent eine Altersgrenze hat?

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