Man hört es dieser Tage oft aus Berlin: Wir müssten „alle wieder mehr arbeiten“ für unseren Wohlstand. Wir seien zu bequem und zu faul geworden, das Bürgergeld sei eine „Hängematte“ und die Arbeitsmoral liege am Boden. Soweit so falsch.
Als Projektmanager mit 25 Jahren Berufserfahrung schaue ich mir solche Aussagen wie ein fehlerhaftes Briefing an.
Erstens: Die Unterstellung der Faulheit. Ich sitze hier mit einem Portfolio aus drei Jahrzehnten Digitalisierung (auch im Printbereich), einer aktuellen 3D-Ausstellung (weitere sind in Arbeit) und 131 LinkedIn-Posts, die meine Expertise dokumentieren. Und ich schreibe gerade an einem Buch über diese Zeit. Von der täglichen Bewerbungsroutine mal abgesehen. Ich bin nicht faul. War es nie. Ich bin in einem Zustand der unfreiwilligen Hochleistungs-Bereitschaft.
Zweitens: Die Forderung nach „Mehrarbeit“. Das ist mathematisch faszinierend, sowie ökonomisch unsinnig. Wie genau soll ich mehr arbeiten, wenn der Arbeitsmarkt für meine Altersgruppe (61) eine unsichtbare Mauer hochgezogen hat? Man kann nicht mehr Stunden in ein Projekt investieren, für das man keine Freigabe bekommt.
Die Rhetorik der Politik ignoriert die größte brachliegende Ressource dieses Landes: Die Generation Expertise, die man im Recruiting-Prozess per Algorithmus (oder bewusst) aussortiert, während man am Rednerpult den Fachkräftemangel, die Faulheit und die Anzahl der Krankheitstage beklagt.
Wir müssen nicht mehr arbeiten, wir müssen intelligenter einstellen. Wer uns als faul bezeichnet, hat offensichtlich noch nie versucht, mit 60+ ein System zu knacken, das Erfahrung mit Verfallsdatum verwechselt.
Ich brauche keine Motivationsreden. Ich brauche einen Markt, der Mut vor Geburtsdatum stellt.

















































