Notizen aus der Warteschleife. Folge 76: Die Ästhetik des leeren Raums.

Mein Lebenslauf hat ein paar Lücken. In der Welt der Personalabteilung werden diese behandelt wie Saucen- und Rotweinflcke auf einer weißen Tischdecke. Man starrt gebannt darauf und vergisst, dass daneben ein exquisites Fünf-Gänge-Menü serviert wurde.

Ich werde oft gefragt: „Herr Reusswig, was haben Sie in dieser Zeit eigentlich gemacht?“ Ich könnte sagen: Ich war beim Amt. Ich habe Formulare ausgefüllt, die so spannend sind wie eine Telefonliste von 1984.

Aber die Wahrheit ist: Ich habe meine Fähigkeit zur Komplexitätsreduktion auf das nächste Level gehoben. Wer 300+ Absagen managt, ohne seine gestalterische Vision zu verlieren, der hat keine Lücke im Lebenslauf. Der hat eine Fortbildung in „Strategischer Resilienz“ absolviert, die man sonst nirgendwo kaufen kann.

Lücken sind keine Defekte. Sie sind der Raum, in dem das Neue entsteht. Wer traut sich, die Lücke zu füllen? Zumal diese Zwischenzeiten unverschuldet eingetreten sind, der wunderschöne Begriff dazu heißt: Betriebsbedingte Kündigung. Mal wurde das Team aufgelöst, mal sollten Personalkosten eingespart werden.

Es ist ein amüsantes Paradoxon unserer Zeit: Wir geben Unmengen an Geld für Kurse und Berater aus, die uns erklären, wie wir Achtsamkeit und Leere in unser Leben lassen, aber wehe, diese Leere taucht in einem Lebenslauf auf. Dann wird aus der erstrebenswerten Stille plötzlich ein Erklärungsbedarf.

Ich stelle mir dann oft vor, wie die Personaler meine Vita scannen, vermutlich mit der gleichen Sucht nach Unregelmäßigkeiten, mit der ein Archäologe im feinen Wüstensand nach Scherben siebt. Dabei übersehen sie oft, dass sie vor einer Pyramide stehen, die seit 25+ Jahren stabil den Stürmen trotzt.

Dabei war ich in dieser Zeit präsenter als je zuvor.

Wenn man zwei Jahre lang vom System verwaltet wird, entwickelt man eine fast schon sportliche Freude daran, die Erwartungen zu unterlaufen. Während die Statistik mich in der Schublade „Bürgergeldempfänger, schwer vermittelbar“ ablegte, saß ich an meinem Schreibtisch und feilte an Texten, Websites und Ausstellungen, die flüssiger liefen als der Genehmigungsprozess für meine Heizkosten.

Die Politik diskutiert über Anreize, um uns aktiv zu halten. Mein Anreiz ist schlicht: die Weigerung, mich über eine Lücke definieren zu lassen. Ich habe in diesen zwei Jahren mehr über Projektmanagement gelernt als in den zehn Jahren davor, denn das schwierigste Projekt, das man leiten kann, ist man selbst, wenn das Umfeld auf Pause drückt.

Die Lücke ist kein Loch. Sie ist der Rahmen, der das Bild erst zur Geltung bringt. Und wie jeder Kreative weiß: Der Rahmen ist manchmal das Teuerste am ganzen Kunstwerk.

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