Notizen aus der Warteschleife. Folge 74: Der Bewerbungszirkus: Ein satirischer Lagebericht aus der Manege.

Es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob ich mich eigentlich bewerbe, oder ob ich an einer bundesweiten Casting-Show teilnehme, bei der mir aber niemand sagt, ob ich schon rausgeflogen bin. (Jury schweigt. Publikum schweigt. Nur ich applaudiere mir selbst.)

Die Anforderungen? Ein Fest.
„Flexibel wie ein Gummiband!“
„Jung im Kopf!“
„20+ Jahre Erfahrung, aber bitte nicht älter als 28.“
„Agil!“ Wobei nie jemand erklärt, ob damit sportlich, mental oder emotional gemeint ist.

Und während ich brav PDFs verschicke, Lebensläufe optimiere und wunderschöne Motivationsschreiben verfasse, bei denen selbst Frank Schätzing sagen würde: „Ja, reicht jetzt“, kommt oft…

Nichts. Ghosting. Die Stille der Stille. Der leere Stuhl im Zirkuszelt. Und irgendwann frage ich mich: Wer bewirbt sich hier eigentlich bei wem?

Ich bei Unternehmen oder Unternehmen beim Mythos eines perfekten Bewerbers, den es seit 1987 nicht mehr gibt?

Vielleicht ist das die Pointe: Der Arbeitsmarkt ist kein Bewerbungszirkus. Er ist ein Spiegelkabinett, und jede Seite sieht etwas anderes, läuft verwirrt durch die Gänge und will eigentlich nix als raus da.

Ich sehe meinen Wert. Sie kennen ihre Checkliste. Beides hat seine Daseinsberechtigung. Beides passt aber irgendwie nicht zusammen.

Mir hilft dabei die unerschütterliche Fähigkeit, mich über dieses System zu wundern, zu ärgern, zu amüsieren und weiterzugehen.

Denn wer den Zirkus kennt, versteht irgendwann: Manchmal muss man nicht die Manege wechseln. Sondern einfach mal das Licht anmachen.

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